NR. 1:

"Sechs Kranucken, bitte!"

„Sie haben sehr wohl Gefühle! Es gibt Studien, die das beweisen. Aber sie werden nicht veröffentlicht, weißt Du?“

„Nicht so laut, Motusa. Hast du denn gar keine Angst, dass sie dich wegbringen?

„Wohin wegbringen? Das sind doch alles nur Geschichten! Einschüchterungsversuche.“

„Sie könnten dich in eine Koporka bringen und das Innere deines Kopfes - auffrischen.“

Motusa erschrak für einen Moment. Über die Koporkas gab es schreckliche Gerüchte, aber keiner aus ihrem Bekanntenkreis hatte je eine von innen gesehen. Man wusste eigentlich nicht, ob es sie wirklich gab, oder ob sie eine Erfindung der Herrschenden waren, um das Volk einzuschüchtern. Es hieß, dass noch nie jemand von dort zurückgekehrt sei, und wenn, dann war er ein neuer Crotaksa, einer, den man nicht wieder erkannte, der seltsame Dinge sagte, sich nicht mehr für das Schicksal der Erdenwesen interessierte, einer, der den Führern treu ergeben war.

„Weißt du etwas darüber?“, fragte sie Achulat leise.

„Nur Erzählungen. Besser, du weißt nichts darüber.“

„Besser, ich weiß nichts darüber? Wie bist du denn drauf? Besser, ich weiß nichts darüber?“

Motusa war entrüstet. Was dachte sich Achulat? Wenn er wüsste, wo sie überall aktiv war, dann würde er nicht so reden, als müsste er eine kleine weibliche Crotaksa vor der bösen Welt beschützen. Aber er war der Sohn des Besitzers der größten Kranucken-Fabrik. Man konnte ihm nicht einfach so trauen, auch wenn sie merkte, dass er sich Gedanken machte, die seinem Vater ganz sicher nicht gefallen würden.

 

NR.2:

„Was weißt du über die Koporkas? Sag schon“, forderte sie ihn auf. Sie hatten sich auf das Dach der Schule zurückgezogen. Durch eine kleine Luke, die sie in einem Abstellraum entdeckt hatten, konnte man auf das Dach gelangen. Dort waren sie ziemlich sicher, nicht belauscht zu werden.

„Mein Vater hat mal darüber gesprochen. Sie haben ihn wohl mal zu einer Besichtigung eingeladen.“

„Und?“ Motusa sah Achulat gespannt an.

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„Und hier kommen die Kranucken.“ Likisi stellte eine riesige Schüssel auf den Tisch, aus der ein paar knusprig braune Finger herausschauten und der ein süßlicher Duft nach Gebratenem entströmte.

„Achulat. Was ist los? Hast Du keinen Hunger?“ Likisi, Achulats Mutter, sah ihren Sohn etwas besorgt an.

„Nein, alles in Ordnung. Ich denke, ich werde heute mal nur etwas Krauder essen.“

Achlat sah seinen Sohn ernst an. „Nur etwas Krauder? Was soll das? Bist du krank?“

„Nein, Vater. Ich, ich habe – einfach keinen Appetit. Und mal ein Tag ohne Krofahßa soll ja gut sein.“ Er lächelte unsicher.

„Ein Tag ohne Krofahßa soll gut sein?!“, donnerte sein Vater los. „Wo bringen sie euch so etwas bei? In der Schule? Fangen sie da jetzt auch schon an mit diesem Quatsch?! Wo kommt das her? Los! Ich will das sofort wissen!“

„Nirgends, Vater. Das kommt nirgends her. Vielleicht habe ich es irgendwo aufgeschnappt – ich weiß nicht. Wirklich. Was ist denn so schlimm, wenn ich heute mal keine Kranucken esse?“

„Das fragst du noch? Dein Vater ist der Besitzer der größten Kranucken-Fabrik und da fragst du noch, was daran schlimm ist? Es ist eine Frage der Ehre und des Respektes!“ Mit diesen Worten nahm er wutentbrannt einen Kranuck aus der Schüssel und warf ihn auf den Tisch, direkt seinem Sohn vor die Nase.

„Iss“, zischte er böse, „und wage es ja nicht, noch einmal über dieses Thema zu diskutieren.“

 

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Nr. 3:

Die Schreie der Frau gellten durch die riesige Halle. „Nein!“, schrie sie immer und immer wieder. Ein Arbeiter dieser Halle hatte ihr gerade geborenes Baby im Arm, hielt ein Gerät an den Gitterkäfig und setzte ihn damit unter Strom. Die Schreie der Frau, die an den Gittern gerüttelt hatte, erstarben auf der Stelle. Zitternd lag sie auf dem Boden, der ebenfalls nur aus einem Gittergeflecht bestand, während ihr Blut langsam heruntertropfte und die Nachgeburt sich einen schleimigen Weg durch das Geflecht suchte.

Es war bereits das zehnte Kind, das man ihr entriss, und schon lange wollte sie ihrem Leben ein Ende setzen. Aber nicht einmal das konnte in diesem Käfig gelingen.

Zu Beginn ihrer Gefangenschaft hatte sie noch versucht, irgendwie mit den Neuwesen zu kommunizieren, aber was auch immer sie versuchte, diese Wesen schienen gar nicht wahrzunehmen, dass sie mit ihnen zu sprechen versuchte.

 

Nr. 4:

Wenn sie mit Zeichensprache ihren Worten einen Sinn geben wollte, war es vorgekommen, dass mehrere der Neuwesen sich vor ihren Käfig stellten und komische Geräusche machten. Dabei zeigten ihre tentakelartigen Arme auf sie oder sie schlugen sich damit links und rechts gegen den Kopf. Da hatte sie es aufgegeben.

Später hatte sie versucht, einfach zu verhungern, doch dann hatte man sie gefesselt und ihr eine Magensonde in den Hals geschoben, durch die sie ernährt wurde. Gleichzeitig war der Besamer gekommen und hatte sie mit einer Art Spritze erneut geschwängert. Es gab einfach keinen Ausweg aus dieser Hölle, nicht einmal den Tod.

 

Nr.5:

An Füßen und Knien hatte sich das Gitter zentimetertief in Haut und Fleisch gefressen. Nach einiger Zeit, in der sie versucht hatte, immer wieder die Position zu wechseln, soweit der Käfig überhaupt einen Positionswechsel zuließ, hatte es sie nicht mehr gekümmert, und noch später hatte sie gehofft, dass die Wunden sie töten würden, aber die Arbeiter hatten alle Frauen hier im Auge und verabreichten rechtzeitig Medikamente. Die Nebenwirkungen dieser Medikamente waren grauenhaft und gingen oft mit Erbrechen und Durchfall einher, töten jedoch, das taten sie selten. Manche Frauen starben trotzdem einfach. Sie wusste nicht, wie sie das machten. Sie starben mit Magensonde im Hals und trotz aller Medikamente, die man ihnen verabreichte. Oh, wie sie diese Frauen beneidete. Sie hatten das Grauen hinter sich, die Hölle, nein, die Unterhölle, die, in die man kam, wenn sogar die Hölle noch eine zu milde Strafe für die Sünden des Lebens war.

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Nr.6:

Waren denn meine Sünden so schlimm? dachte sie oft. Dann aber dachte sie wieder, dass genau das wahrscheinlich der Grund für ihre Unterhölle war. Dass sie ihre Sünden nicht erkannte und nicht bereute und nicht genügend Buße tat. Sie musste ein abgrundtief schlechter Mensch gewesen sein, bis diese fremden Wesen auf der Erde erschienen und die Menschen behandelten, als seien sie Tiere, und ihr dieses grauenvolle Schicksal beschieden war.

Wie oft sie an ihre Babys dachte. Wenn sie nur wüsste, was mit ihnen geschah. Wenn das Schreien der anderen Frauen sie in den Wahnsinn trieb, drückte sie sich mit den Händen mit aller Kraft die Ohren zu, stellte sich vor, dass ihre Babys es gut hatten, dass sie in nette Familien der Neuwesen kamen und ein gutes Leben führen durften. Irgendwann, wenn ihre Hände auf den Ohren begannen, sich zu verkrampfen, ließ sie sie erschöpft herunterfallen. Manchmal war es dann für eine Weile so still, dass sie in die Dunkelheit hineinhorchte, ob die anderen Frauen noch da waren, oder vielleicht tot, oder befreit und nur sie, sie ganz allein, hatte man in diesem Käfig übersehen und vergessen. Aber irgendwann hörte man wieder ein Stöhnen oder Weinen oder das Schreien begann von vorn…

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Nr.7:

„Es gibt verschiedene Thesen und Studien zum Thema Krofahßa. Aber bevor wir uns damit beschäftigen, hätte ich gern einmal eure Meinung dazu gehört. Lasst uns diskutieren.“

Der Lehrer lehnte lässig an einer großen digitalen Glaswand.

Ein Crotaksa meldete sich zu Wort.

„Krohfahßa schmeckt einfach super lecker. Warum also darauf verzichten? Ich weiß nicht einmal, warum wir überhaupt darüber diskutieren.“

Achulat dachte traurig, dass er auch so denken sollte. Dann wäre sein Vater stolz auf ihn.