Das Pferd verstehen oder mit ihm kämpfen...

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Wir kennen das alle: Gestern ging alles wie von allein und heute scheint das Pferd die Hälfte von allem vergessen zu haben. Es ist unkonzentriert oder will und will nicht locker werden. Wir haben nur eine Stunde Zeit zum Reiten und hatten uns für heute etwas Bestimmtes vorgenommen. Unser Pferd macht aber einfach nicht mit. In solchen Momenten haben wir immer zwei Möglichkeiten: Erstens, wir versuchen zu verstehen, was mit uns und/oder dem Pferd los ist, oder wir versuchen es mit der Brechstange, sprich wir ziehen unser Vorhaben durch, egal wie.

 

Die Brechstange funktioniert, oberflächlich betrachtet, tatsächlich. Wir bekommen auf jeden Fall irgendetwas ähnliches von dem hin, was wir uns vorgenommen haben, und wir gehen als Sieger aus der Halle oder vom Reitplatz.

 

Das hat natürlich seinen Preis. Einen Preis, den wir, aber vor allem das Pferd, erheblich später bezahlen werden.

 

Wenn etwas nicht so klappen will, wie wir es uns vorstellen, dann hat das immer, ich betone das, immer einen Grund. Bei der Brechstangenmethode ignorieren wir das einfach. Wir ignorieren sowohl, dass wir heute vielleicht schlecht drauf sind, sei es körperlich, sei es mental, oder beides, und wir ignorieren die Befindlichkeiten unseres Pferdes, sei es körperlich, sei es mental, oder beides. Einfach nur schlecht drauf sein, das können nicht nur wir, das kann auch ein Pferd. Es kann eine unruhige Nacht gehabt haben, Ärger mit anderen Pferden, kann Hunger haben. Es kann sein, dass, von uns unbemerkt, Zubehör nicht richtig sitzt, etwas drückt oder klemmt. Das Pferd kann Verspannungen haben, Schmerzen oder Angst. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, warum ein Pferd an diesem Tag nicht so toll mitmacht wie am Tag zuvor. Genauso ist es mit uns auch. Gehen wir mit der Brechstange vor und ignorieren das alles einfach, verlieren wir das Vertrauen des Pferdes. Ohne Vertrauen aber sind wir bloße Beherrscher, mit dem das Pferd niemals zusammenarbeiten wird. Wer ein mitarbeitendes Pferd beobachten darf, der sieht den Unterschied. Solch ein Pferd scheint ständig damit beschäftigt zu sein, aufzupassen, was sein Reiter wünscht. Seine Ohren spielen aufmerksam, um keine verbale Reaktion des Reiters zu verpassen, es geht entspannt und in einer gesunden Spannung gleichzeitig, es schwingt und wenn wir ihm zuschauen, haben wir das Gefühl, als wollte es nur eins: Seinem Reiter zu Gefallen sein. Das ist nicht nur ein einzigartiges, wundervolles Gefühl für den Reiter, auch für den Zuschauenden ist es das Höchstmaß an Genuss.

 

Als Beherrscher aber werden wir nie in diesen Genuss kommen. Das beherrschte Pferd wird nicht aufpassen, was sein Reiter wünscht, sondern es wird aufpassen, etwas zu tun, um Strafe und Schmerz zu vermeiden. Wer aber aufpassen muss, dass ihm kein Leid zugefügt wird, und ja, es ist Leid, wenn etwas zwickt oder drückt oder wenn man Leistung erbringen soll, obwohl man dazu mental gerade nicht in der Lage ist,  wer also aufpassen muss, dass ihm kein Leid zugefügt wird, der kann sich nicht positiv entfalten. Man mag nicht tanzen, wenn es einem schlecht geht…

 

Mein Fazit ist also: Auch wenn wir nicht herausbekommen sollten, was der Grund ist, dass unser Pferd heute nicht so toll mitarbeitet wie am Tag zuvor oder vor einer Woche, wir sollten immer, ich betone, immer, davon ausgehen, dass es weder faul ist noch, dass es uns ärgern möchte. Zuerst suchen wir den Fehler bei uns, und wenn wir da nicht fündig werden, dann wissen wir, dass da irgendetwas ist, dass unser Pferd veranlasst, so zu sein, wie es heute ist. Und gestehen ihm das zu, im sicheren Wissen, dass andere Tage kommen werden, an denen wir wieder gemeinsam mit unserem Pferd tanzen werden.

 

Das war mein Beitrag zu „Verstehen oder mit dem Pferd kämpfen“.

 

Ich hoffe, es hat euch gefallen. Und wenn ihr neugierig geworden seid, was ich sonst noch so schreibe, dann googelt mich einfach.

 

Tschüss und bis bald wieder hier,

 

eure Regina Rheinwald

 

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